Zum Hauptinhalt springen

Stricken (Bunon): Kultur und historisches Gedächtnis verweben

Als Künstlerin, die tief fasziniert ist von der Verflechtung von Kultur und den Geschichten vergangener Epochen, ist meine Installation „Stricken (Bunon)" eine Hommage an die unsichtbaren Lebensweisen und die verlorenen Tage, die sie in sich tragen. Entstanden für mein DNSEP-Diplom an der ISBA im Jahr 2022, schöpft dieses Werk seine Inspiration aus den zarten Feinheiten der Spitze und dem historischen Reichtum des Dhakai Musselins. Diese Arbeit steht in engem Zusammenhang mit dem Nähen als Hommage an die Frauen Bangladeschs. Musselin, ein leichter und transparenter Stoff, war einst ein bedeutendes kulturelles und wirtschaftliches Artefakt Dhakas, Bangladeschs, im 17. und 18. Jahrhundert.

Die historische Bedeutung des Dhakai Musselins

Dhakai Musselin, der vom englischen Reisenden Ralph Fitch im 16. Jahrhundert oft als feinster Stoff ganz Indiens gepriesen wurde, nahm einen zentralen Platz im Textilhandel des Mogulreichs Bengalen ein. Dieses erlesene Baumwollgewebe in Leinwandbindung reichte von zarten, durchscheinenden Stoffen bis hin zu grobem Bettzeug und war weltweit berühmt. Seine Herstellung war ein aufwendiger Prozess, der Egrenieren, Spinnen und Weben umfasste und häufig in der Regenzeit stattfand, um die Elastizität des Garns zu verbessern. Die Geschichte des Stoffes ist durch die brutale Kolonialpolitik der Ostindien-Kompanie gezeichnet, die die lokale Musselinindustrie unterdrücken wollte, um britisch hergestellte Stoffe zu fördern. Trotz dieser Widrigkeiten lebt das Erbe des Dhakai Musselins fort, und in Bangladesch sowie Westbengalen werden fortlaufend Bemühungen unternommen, diese verlorene Kunst wiederzubeleben.

Dhakai-Musselin-Stoff, traditionelles Textilgewebe aus Bangladesch

Übergang zu Papier: Ein persönliches und kulturelles Medium

Da ich für meine Installation keinen Musselin verwenden konnte, wandte ich mich einem Medium zu, das tief in meinen persönlichen und kulturellen Erfahrungen verwurzelt ist: leichtes weißes Papier. In Bangladesch wird dieses Papier traditionell verwendet, um Häuser für kleine Feste und Kulturfestivals wie Pohela Boisakh zu schmücken. Als Studentin am Institut für Bildende Künste in Chittagong nutzte ich dieses Papier häufig, um unseren Campus zu dekorieren und Karten für verschiedene Anlässe zu gestalten. Seine Erschwinglichkeit und die einfache Verarbeitung machten es zur idealen Wahl für meinen künstlerischen Ausdruck.

Der meditative Prozess des Papierschneidens und -faltens

Das Schneiden und Falten von Papier war für mich stets eine Quelle des Trostes und bot mir eine meditative Zuflucht vor dem Stress des Alltags. Ohne jegliche Vorplanung oder Entwurf falte und schneide ich das Papier und enthülle dabei bei jeder Arbeit einzigartige Formen. Diese Spontaneität und die daraus resultierenden Variationen sind es, die dieses Medium so fesselnd machen. Für diese Installation schnitt ich sorgfältig mehrere Papierbögen, jeder mit seinem einzigartigen Muster, und klebte sie zusammen, um ein 10 Meter langes Stück zu schaffen. Diese Länge spiegelt die traditionellen Maße des Musselins wider, der häufig in Längen von 10 bis 30 Metern gewebt wurde, und steht in Bezug zu dem im British Museum aufbewahrten Musselin, der ebenfalls 10 Meter lang ist.

Einflüsse und Inspirationen

Das Konzept der Transformation, wie es Künstlerinnen wie Golnaz Payani erforschen, beeinflusst meine Arbeit tiefgreifend. Ihr Fokus auf zerbrechliche, weiche und längliche Objekte – insbesondere solche aus Stoff, Stickerei und Papier – deckt sich mit meiner eigenen künstlerischen Vision. Traditionelle iranische Blumendesigns mit ihrer filigranen Schönheit dienen mir ebenfalls als Inspirationsquelle.

Das Wesen des Musselin einfangen

Mit „Knitting (Bunon)" möchte ich den Reichtum und die erzählerische Tiefe des Musselins einfangen und seine zarte Eleganz sowie historische Bedeutung in eine zeitgenössische Form übersetzen. Jeder Schnitt und jede Faltung des Papiers symbolisiert das akribische Handwerk und das kulturelle Erbe des Musselins und spiegelt gleichzeitig meine persönliche Verbindung zu dieser traditionellen Kunstform wider. Diese Installation ist nicht nur eine visuelle Darstellung, sondern eine haptische Reise durch Geschichte, Kultur und persönliche Erinnerung.

Eine Hommage an den Dhakai-Musselin und eine persönliche künstlerische Reise

Im Wesentlichen ist „Knitting (Bunon)" eine Feier der verlorenen Kunst des Dhakai-Musselins, eine Hommage an seine Handwerkerinnen und Handwerker sowie ein Spiegel meiner eigenen künstlerischen Reise. Es verkörpert das zarte Gleichgewicht zwischen Zerbrechlichkeit und Widerstandsfähigkeit, Tradition und Moderne sowie Vergangenheit und Gegenwart. Mit dieser Arbeit möchte ich ein Gefühl des Staunens und der Wertschätzung für die kulturellen Erzählungen wecken, die unsere Identitäten prägen und uns mit den Geschichten der Vergangenheit verbinden. Diese Installation war auch Teil der Ausstellung Infiniment im Museum von Besançon.

Der meditative Prozess und übergreifende Themen

Indem ich mich in den Akt des Strickens mit Papier vertiefe, ehre ich nicht nur das Handwerk des Dhakai-Musselins, sondern erforsche auch die übergreifenden Themen der Transformation und Kontinuität in Kunst und Kultur. Die sich wiederholenden Bewegungen des Schneidens und Faltens spiegeln die traditionellen Webtechniken wider, und schaffen so eine Brücke zwischen dem Alten und dem Zeitgenössischen. Dieser meditative Prozess ermöglicht es mir, den Geist der Geschichte des Musselins zu kanalisieren und ihm gleichzeitig neues Leben und neue Bedeutung einzuhauchen.

Fazit: Ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Letztendlich ist „Knitting (Bunon)" mehr als eine Installation; es ist ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, eine Erkundung des kulturellen Gedächtnisses und ein Zeugnis der dauerhaften Kraft der Kunst, uns über Zeit und Raum hinweg zu verbinden. Mit dieser Arbeit lade ich die Betrachtenden ein, das komplexe Geflecht der Geschichten zu betrachten, die unsere Welt prägen, und die Schönheit im zarten Zusammenspiel von Tradition und Innovation zu entdecken.

Kostbarer Schal aus Musselin aus dem 18. Jahrhundert, gewebt in Sonargaon, Dhaka

Foto eines kostbaren Schals aus Musselin aus dem 18. Jahrhundert, gewebt in Sonargaon, Dhaka.